Portrait Tim Krohn
Foto: Jonas Knecht

Tim Krohn

geboren 1965 in Nordrhein-Westfalen, wuchs in Glarus in den Schweizer Alpen auf und lebt als freier Schriftsteller in Santa Maria im Münstertal. Seine Romane Quatemberkinder (1998) und Vrenelis Gärtli (2007) sind Kultbücher, mit Büchern wie Nachts in Vals (2015) oder der Romanserie Menschliche Regungen (2017-2018) erweist er sich immer wieder als einer der vielseitigsten und originellsten Autoren der Schweiz.

Lise Lavoisier war früh Mutter geworden, sie war alleinerziehend und gönnte sich nicht viel. Die kleine Reise in die Berge hatten Bürokollegen und ihr Professor ihr zum achtundzwanzigsten Geburtstag geschenkt, Lise Lavoisier war Sekretärin am Romanistischen Institut der Berner Universität. „Ein Wochenende für zwei, damit du mal auf andere Gedanken kommst“, hatten sie gesagt. Frivolere Gedanken meinten sie gewiss, denn das Hotel war eines für Liebende, nicht für Familien. Lise Lavoisier hatte aber weder einen Liebhaber noch einen Babysitter, daher buchte sie um, drei Nächte im Einerzimmer mit Kinderbett. Sie meldete Marlette vom Hort ab und nahm sie auf die Reise mit.

Marlette war nicht ganz vier, sie war noch nie in einem Hotel gewesen, und sie liebte alles: Das große Bett (denn auch das Einerzimmer hatte Doppelbett, und natürlich schloss Marlette gleich kategorisch aus, im Kinderbett zu schlafen), den Plüschteppich und ganz besonders die Nachttischlampe, die nach unten strahlte und nach oben ein ganz mattes tiefblaues Licht abgab, das Mama „apothekerblau“ nannte. „Das machen wir die ganze Nacht nicht aus“, rief Marlette und überhörte Mamas Stöhnen, „das ist so schön!“

Aus: Nachts in Vals. Diogenes: Zürich 2015




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