Portrait Stefan Moster
Foto: Mathias Bothor

Stefan Moster

geboren 1964 in Mainz, lebt als Autor, Übersetzer, Lektor und Herausgeber in Helsinki und Berlin. Unter anderem übertrug er Werke von Petri Tamminen, Rosa Liksom, Selja Ahava und Daniel Katz vom Finnischen ins Deutsche. 2012 nahm Moster am Wettbewerb um den Bachmannpreis teil. Bei mare erschienen seine Romane Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels (2009), Lieben sich zwei (2011), Die Frau des Botschafters (2013) und Neringa (2016). 2019 erschien sein Roman Alleingang, für den der Autor mit dem Martha-Saalfeld-Preis ausgezeichnet wurde.

Sollte Felix wirklich blind werden, sagte sie sich, war es ihre Aufgabe, ihm die letzten Bilder von der Welt ins Dunkel mitzugeben.

Was aber war das Größte, das man auf der Welt anschauen konnte?

Die Berge?

Das Meer?

Zuerst die Berge, dann das Meer, dachte Oda. Sie könnten mit Felix in die Alpen fahren und weiter ans Mittelmeer, nach Italien, Kroatien, Frankreich, es war fantastisch, über das Voralpengrün ins staunenswerte, zugleich ein wenig unheimlich anmutende Hochalpine hineinzufahren und nur Stunden später in die Pinien- und Zypressenwärme hinabzurollen und sich ob des glitzernden Nachmittagsmeers die Augen zu reiben.

Die Fische drehten sich so langsam, dass man glaubte, sie blieben jeden Moment stehen, aber das geschah nicht. Eine minimale Bewegung blieb erhalten.

Oda malte sich unverzüglich eine erste Reiseroute vom Martinusheim an die Adria aus, doch bald kamen ihr Zweifel.

Wäre es nicht richtiger, wenn die Mutter ihrem Kind einfach zeigte, wo sie lebte? Was sie tagtäglich sah?

Aus: Die Frau des Botschafters. mare: Hamburg 2013




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