Mühlrad

Familie

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ So lautet (in der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze) der berühmte erste Satz in Lew Tolstois Roman Anna Karenina.

Familie kann man sich nicht aussuchen, der Familie entkommt man nicht, weder im echten Leben noch in der Literatur. Scheinbar heile Welten stehen aufwühlenden Konflikten gegenüber, weitergegeben von Generation zu Generation. Familienbande sind aber auch ein wesentlicher Baustein für die eigene Identität. So schreibt Ilma Rakusa in ihren Erinnerungspassagen Mehr Meer: „Der Osten war unsere Bagage. Mit Herkunft und Kindheit und Gerüchen und dicken Pflaumen. Mit Braunkohle und Ängsten und Dampfloks und sukzessiven Fluchten. Wir kamen von DORT und kappten die Verbindungen nie.“ Doch nicht alle verbinden mit ihrer Herkunft(sfamilie) so heimelige, idyllische Erinnerungen: „Die eigenen Kinder sind Personen, zu denen man sich nicht normal verhalten kann“, befand Wilhelm Genazino. „Entweder die Eltern sind übertrieben weich zu ihnen (aus Schuldgefühl) oder übertrieben streng (aus Angst), auf jeden Fall schlägt den Kindern von den Eltern immer irgendeine Übertriebenheit entgegen.“

Man sieht, „Familie“ ist ein weites Feld. Ob identifikatorischer Sehnsuchtsort oder bittere Abrechnung und Anklage: Die literarische Auseinandersetzung mit einem Thema, das alle angeht und dem sich niemand entziehen kann, verspricht höchst spannende Lesungen und Diskussionen.

Als Gäste erwarten wir: Bettina Balàka, die in ihrem Roman Der Zauberer vom Cobenzl das Leben zweier Schwestern beleuchtet, die im 19. Jahrhundert versuchen, aus der väterlichen Umklammerung auszubrechen: Die eine spricht die Sprache der Musik, die andere die der Wissenschaft. Gertraud Klemm, die 2016 mit ihrem Roman Muttergehäuse ein gesellschaftliches Tabu brach und ihren unerfüllten Kinderwunsch thematisierte. In ihren schonungslos entlarvenden Romanen legt sie den Finger in die Wunden unserer Zeit und regt Debatten über das Frauenbild in unserer Gesellschaft an. Laura Freudenthalers „Die Königin schweigt“ liest sich wie ein Psychogramm, gleichzeitig wie ein Familienroman. Was die Familien zusammenhält, sind nie aufgearbeitete, sich über Generationen spannende Traumata – sei es Kriegsverlust oder andere Schicksalsschläge. Birgit Birnbacher versetzt ihre Protagonistin in das alte Leben auf dem Dorf zurück und stellt die Frage, wie und wovon wir leben wollen, in einer packenden und poetischen Sprache. Ljuba Arnautović beschäftigt sich in ihren beiden Romanen Im Verborgenen und Junischnee mit dramatischen Aspekten ihrer persönlichen Familiengeschichte. Friederike Gösweiner stellt in ihrem Roman Regenbogenweiß die Frage nach dem gelingenden Leben am Beispiel einer Familie, die nach einem Todesfall um ihr Selbstverständnis ringt. Elke Laznia lässt die Icherzählerin in ihrem Debütroman Kindheitswald sich wortreich und bildstark an ihrer Herkunft, dem Kindheitswald, abarbeiten. Rolf Lappert zeichnet in Über den Winter das Porträt eines Mannes, der mit knapp 50 feststellt, dass ihm seine Familie, anders als er ein Leben lang geglaubt hat, viel bedeutet. Und Miriam Unterthiner verleiht in ihrem Theatertext Va†erzunge einer jungen Frau, die allein mit ihrem Vater aufwächst und gegen prekäre Umstände aufbegehrt, eine unvergessliche Stimme. Moderieren wird die Gespräche Markus Köhle, der sich in seinem Herkunfts-, Entwicklungs- und Dorfroman Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts mit seiner Familiengeschichte kritisch und unterhaltsam auseinandersetzt.

Wir freuen uns auf Sie!

Birgit Holzner und Joe Rabl

© 2003-2024 Innsbrucker Wochenendgespräche - E-Mail - Impressum - Datenschutz

Facebook logo with link