Familie

Familien bestehen aus Wasser und Blut. Wasser kann genauso gut wie Blut sein, was man aus DNA-Analysen weiß: In mancher Adelsfamilie sind Mitglieder gar nicht miteinander genetisch verwandt, obwohl sie es sein sollten, was darauf hindeutet, dass Väter nicht immer mit Ehemännern identisch waren, weil Mütter fremdgegangen sind. Man tippt auf Reit- und Musiklehrer, Cicisbeos und Amants. Der Abstammungstest per DNA-Analyse ist eine rezente Entwicklung in der Geschichte der Menschheit, er steht seit Mitte der 1990er Jahre zur Verfügung. Nun ist nicht mehr nur mater semper certa, sondern auch pater certus. Dadurch ist Blut dicker geworden, Väter können Wasserkinder auch nach Jahren der sozialen Bindung verstoßen. Bei künstlicher Befruchtung ist die genetische Abstammung plötzlich egal, dann aber auch wieder nicht, wenn sich herausstellt, dass hunderte Menschen Halbgeschwister sind, weil der Reproduktionsmediziner nur sein eigenes Sperma verwendete. Wasser ist oft dicker als Blut, zum Beispiel, wenn jemand angeheiratet oder eingepartnert ist: Stiefeltern, Schwager und Schwägerinnen, Schwiegertöchter und -söhne. Hier sind Familien fluktuierende Systeme, es gibt Trennungen, Neuformationen, Patchwork. Leihmütter gehören nicht zur Familie, sie sind Austragemaschinen.

„Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben“, sagte Karl Kraus. Im besten Fall ist die Familie ein Unterstützungssystem, im schlimmsten ein Ort des Verbrechens. Geld kann zu Zusammenhalt oder Zerwürfnissen führen. Es gibt Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Die Kinderbetreuung stellt für Frauen eine schreckliche Unterjochung dar, für Männer hingegen eine große Bereicherung. Die Erwerbstätigkeit stellt für Männer eine schreckliche Unterjochung dar, für Frauen hingegen eine große Bereicherung. Das ist der aktuelle Stand, früher war es umgekehrt. Ein Blick in die Zukunft führt immer in die USA. 27 % der US-Amerikaner*innen haben den Kontakt zu einem Familienmitglied dauerhaft abgebrochen. Meist sind es erwachsene Kinder, die einen Elternteil aus ihrem Leben verbannen. Dies oft keineswegs wegen Gewalt oder Vernachlässigung, sondern wegen alltäglicher Meinungsverschiedenheiten, die man auch aushalten könnte. Ein neues Forschungsfeld ist entstanden, Studien werden durchgeführt. Eltern, die verlassen werden, sind typischerweise liberal und antiautoritär. Die Kinder erheben den Anspruch, in einem wohltemperierten Glücksbad zu treiben, bei dessen Trübung Verwandte mit dem Etikett „toxisch“ versehen werden. Die Verweigerung einer Taschengelderhöhung wird als Trauma definiert, jeder hat PTSD. Allzu viel Therapie hat zur Beobachtung kleinster Gefühlsregungen geführt, für jegliche Unpässlichkeit ist die Familie verantwortlich, im Internet rät man zu sofortiger Lossagung zwecks Selbstverwirklichung. Der permanente Fokus auf die eigene Befindlichkeit reißt aus dem sozialen Kontext, Ersatz ist die Online-Community. Genetik ist wichtig geworden bei Vater- und Leihmutterschaft, Beziehung steht auf einem anderen Blatt – oder einer Website. Jeder hat eine Familie, manche haben trotzdem niemanden.

Bettina Balàka

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