Familie

Ich mag eigentlich nicht mehr über Arbeit reden. Wer über Arbeit redet, muss über so viel anderes reden: Familie, Herkunft, Geschlecht, Lebenssituation – Arbeit ist ein richtiges Mammutthema. Dabei waren das jetzt nur die groben Kategorien, nicht einmal die leisen Töne, aus denen Arbeit ja, jenseits des Gehaltszettels und der sogenannten gesellschaftlichen Bedeutung, vor allem, wenn nicht sogar: allem voran, besteht. Ist die Tür zum Thema Arbeit einmal geöffnet, öffnen sich jedenfalls hundert andere Türen mit. Dafür braucht man viel Zeit, gute Nerven und eine unglaubliche Arbeitsbereitschaft, leider verfüge ich über nichts davon.
Hätte ich damals, als ich diese Tür so neugierig und bereitwillig aufgemacht habe, gewusst, wie viel Arbeit damit auf mich zukommt, ich hätte sie sofort wieder zugemacht. Mit dem Schreiben über Arbeit ist es ein bisschen wie mit der Arbeit selbst: Sie wird nicht weniger, wenn man sie genauer anschaut, und man wird nicht zuversichtlicher davon, im Gegenteil: Fortan wird es eine zusätzliche Arbeit, die Zuversicht zurückzuerlangen.

Wenn aber alles Arbeit ist, ist genauso gut nichts Arbeit, was wiederum ein ganz guter Ausgangspunkt für Menschen wie mich ist, die eigentlich nur deswegen das arbeiten, was sie am liebsten die ganze Zeit tun, weil sie im Grunde gar nichts tun, also nicht arbeiten wollen. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch also, wie überhaupt vieles in der sogenannten Sorgearbeit, dem Bereich, wo sich Arbeit mit Familie, also Marktökonomie und Liebe, miteinander vermengt. Sorgearbeit, das weiß, wer sich ihr aussetzt oder ausgeprägt mit ihr beschäftigt, ist aber eben auch oft genug nicht Opfer, sondern Geschenk – ist da sein dürfen, Steine zählen, Sommer am Fahrrad, nachmittags frei, lustgetriebenes Dahintreiben sorgebetrauter Erwachsener, Sorgearbeit steht – sofern eine gewisse grundsätzliche existenzielle Sorgenfreiheit gegeben ist – in guten Momenten einer zweiten Kindheit in nichts nach.

Familie ist das Feld, in dem zusammenkommt, was auf einen ersten Blick so gar nicht zusammenpasst: Groß mit Klein, Lärm mit Stille, Zärtlichkeit mit Zorn, Anzughose mit Grießbreihand, Bedingungslosigkeit mit Ökonomie. Familienarbeit ist die All-in-Klausel im Lebensvertrag aller Vorfahren und Nachkommen, egal, wie alt sie sind, egal, unter welchen Bedingungen sie leben, und egal, ob sie es können oder wollen oder nicht. Der Punkt, wo Arbeit am meisten mit Familie kollidiert, ist der, wo die marktökonomische Logik durch Sinnstiftung ausgehebelt wird: Wir alle geben etwas und bekommen etwas dafür, so weit die Logik unserer kapitalistischen Weltordnung. Wenn wir aber Zeit, Liebe und Fürsorge geben und dafür gewissermaßen Dankbarkeit und möglicherweise sogar Sinnstiftung zurückbekommen, muss das genug sein. Wieso sollten wir damit Geld verdienen, wo es doch schön ist? Das Heranerziehen einer demokratiefähigen Nachwelt ist unserer Gesellschaft nicht mehr wert als Dankbarkeit. Gibt es etwas, das mehr wert ist?

Sorgearbeit ist also die Pflicht, die man gefälligst freiwillig tut, und das Opfer, das man bringt, auch wenn es das Leben kostet. Dazu habe ich keine weiteren Fragen, und genau deswegen habe ich dazu viele Fragen. Weil ich weder gern denke noch gern arbeite, sondern viel lieber schreibe, habe ich darüber ein Buch geschrieben. Es heißt „Wovon wir leben“, weil es biologische Vorgänge des Daseins, also beispielsweise jene des Atmens, und ökonomische Grundlagen unserer Existenz, also das Aus- und Einkommen, miteinander vermengt. Wie das Leben in der Fürsorge mit anderen vermischt und vermengt auch dieser Text andauernd, was eigentlich gar nicht zusammengehört, und versucht so lange eine Ordnung herzustellen, bis Fragen formulierbar sind.

Dafür, dass ich es gar nicht wollte, habe ich insgesamt schon sehr viel über Arbeit und Familie nachgedacht, geschrieben und geredet. Unterm Strich bestimmt zu viel, vielleicht aber immer noch zu wenig, wie das manchmal eben so ist.

Birgit Birnbacher

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