Familie

… heißt ursprünglich zu dienen.

[ZITAT] Ihr war das selber gar nicht präsent gewesen, dass sich Familie tatsächlich vom famulus ableitete, dem Diener. Und wie eng der Familienbegriff etymologisch auch mit dem geteilten Raum zu tun hatte, dem Haus, in dem man lebte. Jetzt verstand sie endlich auch die eine Zeile aus dem Actus Tragicus: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben. Das Haus, das war die Familie oder umgekehrt: Familie waren all jene, die im selben Haus lebten wie man selbst … und dieser Familie sollte man eben dienen, für die sollte man arbeiten, solange man konnte, existierte, so wie man einen Acker bestellte … (S. 278)

… ist ein Wohnkonzept.

[ZITAT] Jetzt verstand sie, was die Mutter meinte, wenn sie sagte, es sei so entsetzlich still im Haus, dachte Filippa dann, als sie im Wohnzimmer stand, in den Garten sah. Nichts. Einfach nichts war da. Einfamilienhaussiedlungsstille an einem sehr kalten Frühlingsnachmittag. Trübes Licht, bedeckter Himmel, ein paar späte Schneeflocken. Langsame Zeit. (S. 175)

… sind Rituale, die die Zeit i.d.R. stark strukturieren.

[ZITAT] Als sie über den Kies schritt, suchten ihre Augen das Elternhaus. Es lag über der Wiese, die direkt an den Gasthof anschloss. Sie wusste, es stand dort beinahe unsichtbar und stumm in der Dunkelheit vor ihr, und sie spürte einen Stich, dachte an die Male, als sie hier gesessen waren, als Familie, an Geburtstagen, an Feiertagen, zu Studienabschlüssen, dachte an die vielen Male, die sie die paar Schritte gegangen waren, vom Elternhaus zum Gasthof und zurück. (S. 35)

… bedeutet Interaktion in festgelegten Rollen.

[ZITAT] Bob sah seine Schwester an, schüttelte den Kopf. »Im Grunde ist es vollkommen egal, was ich sage oder tue. Ich habe immer unrecht. Auch wenn ich recht habe. In dieser Familie bin immer ich der, der unrecht hat. Das war immer so und es wird immer so bleiben. Ich kann es gar nicht richtig machen, ich kann es nur falsch machen, weil ihr das entschieden habt, vor Jahren, gleich bei meiner Geburt wahrscheinlich.« (S. 72)

… bedeutet materielles wie biologisches Erbgut.

[ZITAT] Und Marlene dachte an den einen Roman, den sie so gern gelesen hatte, in dem der Enkel einen Container kommen ließ und alles familiäre Erbe dort hineinbeförderte, sah sich dann wieder im Keller stehen, vor den Regalen voller Schachteln, die die Kinder bei diversen Umzügen hier geparkt hatten, vor Hermanns Schachteln mit altem Gerät, von dem sie keine Ahnung hatte, was davon etwas wert sein könnte und was Schrott war, vor den Schachteln ihrer Stammfamilie, den Briefen der Mutter an die Front und zum ausgewanderten Bruder nach Amerika, den Stiefeln des Vaters, mit denen er aus Ostpreußen heimgekommen war, den Super-8-Filmen … (S. 118-119)

… hat rechtlich fundamentale Bedeutung und ist damit ein politischer Begriff.

[ZITAT] Sie setzte sich an ihren Schreibtisch. Zuerst würde sie die Dokumente für den Antrag der Familienzusammenführung scannen. Wenn alles gut ging, würde Kamran bald endlich seine Eltern wiedersehen und seinen zweiten Bruder und die kleine Schwester, die er noch gar nicht kannte. (S. 286)

… ist die Idee einer Solidargemeinschaft, privat wie politisch.

[ZITAT] Vangelis klopfte ihm auf die Schulter. Ob er wisse, dass das Land, sein Land, Elláda, heute Geschichte geschrieben habe. Ob er wisse, was das Nein bedeute, das das griechische Volk heute per Referendum der Eurogruppe, der EU, lautstark zurückgeschmettert habe. Gequält hätten sie sein Land, gedemütigt und ausgeraubt – und das auf perfide Weise, indem sie vorgaben, helfen zu wollen, als noble Angehörige derselben Gemeinschaft, dieser edlen großen europäischen Familie. Aber jetzt, jetzt sei endlich das griechische Volk aufgestanden und habe dazu Nein gesagt. (S. 232–233)

Er öffnete die Tür.
Sie brächte Kuchen von ihrer Tante, und Briam. Und Zitronenmarmelade. Vangelis schicke Honig, sagte Kiki und drückte ihm einen Plastiksack in die Hand.
»Why?«
»Because you never came. They say you haven’t been around for weeks.«
Aber das war doch nicht so lange her, dass er mit Zoe in der Taverne gewesen war, dachte Bob. Begannen sie jetzt hier auch auf Familie zu machen? (S. 282)

… bedeutet aufgrund des Gedankens der Solidargemeinschaft und bestimmter, fester Rollen Konflikt in Form von Kritik und Einmischung, weil individuelle Überzeugungen miteinander kollidieren.

[ZITAT] Unglaublich, dachte Bob, und sagte, er habe die Mutter doch zweimal innerhalb von drei Tagen dezidiert gefragt, wie es ihr gehe, einmal sei sie, Flippa, sogar im selben Raum gewesen. Er fragte, ob sie taub sei oder ein akutes Gedächtnisproblem habe. Er wisse, dass er schweigsam sei, und sie wisse, dass er Smalltalk hasse, dass er einfach nicht mehr mit Onkel Alfred reden könne, Familie hin oder her, das sei unmöglich, alle wüssten, welche Partei er wählte, und sie könne sich nicht ernsthaft wünschen, dass er mit ihm zu reden versuche. Sie erinnere sich ja wohl noch daran, wie sie ihn selbst gebeten habe vor Jahren, sofort den Mund zu halten, und zwar direkt im Gespräch mit Onkel Alfred habe sie das gesagt, das fände er heute noch eine Frechheit, wenn er jetzt wieder daran denke. Filippa meinte daraufhin, dass sie sich noch sehr gut an diese Szene erinnere und dass es unmöglich gewesen sei, wie er Onkel Alfred attackiert hätte. Unmöglich sei das keinesfalls gewesen, sagte Bob dann, sondern im Tonfall höflich und in der Sache richtig, denn der liebe Onkel habe bloß eine unreflektierte fremde Meinung wiedergegeben, die er in einem Massenmedium von äußerst bescheidener Qualität aufgeschnappt habe, ohne sie mit einem einzigen Argument zu unterfüttern. Und deshalb sei diese Meinung dementsprechend wertlos gewesen, und nur das habe er ihm gesagt, nichts anderes, woraufhin Filippa entgegnete, dass er das eben nicht einfach sagen könne, nicht Onkel Alfred ins Gesicht. Und Bob sagte, dass er das nach wie vor nicht verstehe, warum es besser sei, das hinter Onkel Alfreds Rücken zu sagen anstatt ihm ins Gesicht, wo man an Universitäten doch genau diese Diskussionskultur lerne, nämlich nach Argumenten zu verlangen. Und wenn jemand keine liefern könne, das eben auch zu sagen, und zwar dem-, derjenigen ins Gesicht; aber dass er sich ja sogar daran halte und Onkel Alfred deshalb heute aus dem Weg gegangen sei, was aber offenbar auch wieder falsch gewesen sei. (S. 73-74)

… führt im Worst Case daher zu Dauerkonflikten und letztlich zu Krieg.

[ZITAT] »I think the village has four inhabitants now. You know they killed each other, some decades ago, because of a goat bell. Blood rage. And they burnt down the houses. You know, families.« (S. 90)

… könnte bedeuten, primäre Trainingsstätte zu sein für das gesellschaftliche

Zusammenleben, das ebenso stets geprägt ist von Diversität und Asymmetrie wie eine Familienstruktur.

[ZITAT] Sie schwiegen wieder eine Weile und als sie dann schon im Tal den Fluss entlangfuhren, sagte Filippa: »Ich weiß, es ist deine Sache, wenn du nicht ans Grab gehst. Das muss sie akzeptieren. Aber es wird sie immer kränken. Und ihr müsst ja auch nicht die besten Freunde werden, aber ihr seid Familie. Man kann einander ab und zu die Parzival-Frage stellen, ein bisschen erzählen davon, was man macht, um den anderen zu zeigen: Man sieht ihn. Vielleicht wäre das möglich? Bitte.« (S. 314)

Essentielle Aspekte für ein Gespräch über den Begriff Familie erscheinen mir weiters:

Friederike Gösweiner

© 2003-2024 Innsbrucker Wochenendgespräche - E-Mail - Impressum - Datenschutz

Facebook logo with linkInstagram logo with link