Familie

Vater Mutter Kind. Dass der Vater an erster Stelle steht, hinterfragen wir nicht, denn dass ohne Vater im Patriarchat gar nix geht, ist für uns ganz normal. Dass „Mater semper certa est“ ist uns zwar klar; dass das nicht mit gesellschaftlicher Macht über das Leben verbunden ist, sondern mit Ohnmacht, ist uns noch klarer. Es ist zwar so, dass „Pater semper incertus est“. Aber: Pater est, quem nuptiae demonstrant. Vater ist, wer durch die Heirat als solcher erwiesen ist, oder anders gesagt: Ohne Ehe und ohne sexuelle Kontrolle über das Weib hat Pater keine Ahnung, ob er wirklich Pater ist.

Das Patriarchat braucht diese Gewissheit über die biologische Vaterschaft, und die wiederum ist seit 5000 Jahren der Kontrolle der weiblichen Lust geschuldet. Das ist also nicht nur eine lateinische Floskel oder eine feministische Verschwörungstheorie, sondern eine Tatsache. Aber wer weiß das schon? Wen kümmert es? Dass der wissenschaftlich valide Vaterschaftstest de facto erst seit den 1980er Jahren möglich ist? Dass trotzdem die biologische Vaterschaft der Angelpunkt von Vererbung von Macht, Geld und Status ist, bis heute?

Es hat uns noch nie gewundert, dass so viel Macht auf so einer dünnen Beweislage fußen kann – über Jahrtausende. Es fiel uns gar nicht ein, uns zu wundern. Denn so gut wie alle Narrative, alle Geschichten, all die Unterhaltung, all die Kinderfilme und Literaturklassiker und sozialen und juristischen Manifeste haben uns das Wundern ausgetrieben. Wir wurden nie mit etwas anderem als heteronormativer Allgemeingültigkeit gefüttert. Im „König der Löwen“, in „Schneewittchen“, in „Vom Winde verweht“, in „Krieg und Frieden“, in „Herr der Ringe“, in „Avatar“, im Familienrecht, in der philosophischen Theorie, in der Bibel. Wir wissen, wer wessen Sohn war, wer welches Reich von wann bis wann regiert hat und verteidigen musste. Wir wissen, wessen Wille geschehen wird, wie im Himmel so auf Erden.

Was, wenn wir einander immer nur jenen Teil der Geschichte erzählen, in dem das patriarchale Manifest funktioniert hat, als wäre es ein Naturgesetz: also: Mensch unterwirft Natur, Mann unterwirft Frau, ein Volk unterwirft das andere.

Was, wenn man uns die Möglichkeit einer Geschichte gestohlen hat, und die einer Zukunft?

Was, wenn die Mutter das Kind bekommt, und es gar nicht so wichtig ist, wer der Vater ist?

Wenn Frauen ihre Sexualität einfach so hätten leben können? Wenn die Spezies Mensch als hohes soziales Wesen im Rudel organisiert wäre, also: Männer und Frauen halten zusammen, Frauen und Frauen halten zusammen, und alle halten zu den Kindern und den Alten, im Sinne der Arterhaltung? Wenn da kein Gott wäre, der Grausamkeiten verzeiht und im Tod Belohnung verspricht, sondern wenn das Leben verehrt würde?

Was, wenn das so herablassend zitierte afrikanische Dorf, das wir brauchen, um Kinder großzuziehen, und das wir uns stückchenweise dazukaufen müssen, um über die Runden zu kommen, alltagstauglicher ist als unsere heteronormative, christliche, der ganzen Welt aufgezwungene Missionarsstellung, die wir als Weltordnung feiern?

Gertraud Klemm

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