Familie

Eigentlich geht es in all meinen Romanen um Familie. Vorausgesetzt, man weitet den Begriff »Familie« ein wenig aus und ist bereit, darunter auch Schicksalsgemeinschaften zu verstehen. Und zudem vorausgesetzt, man geht so weit, der Abwesenheit von Familie ähnlich viel Gewicht beizumessen wie der tatsächlich existierenden. Denn wo die Familie fehlt, entwickelt sich oft eine diffuse Sehnsucht nach ihr; es wird etwas vermisst, das gemeinhin Geborgenheit genannt wird, ungeachtet der Tatsache, dass familiäre Strukturen längst nicht immer Schutz und Sicherheit garantieren. In meinem Roman »Der Himmel der perfekten Poeten« aus dem Jahr 1994 ist es eine Handvoll italienischer Autoren, die in einem ehemaligen Motel in der Wüste Arizonas – also weit weg von ihren realen Familien in der Heimat – das genaue Gegenteil einer intakten Gemeinschaft bilden: hadernde, launische, streitende Kinder, behütet vom greisen, gütigen Stiftungsgründer und Ersatzvater. Im Roman »Die Gesänge der Verlierer« von 1995 werden durch einen Hurrikan obdachlos gewordene arme Schlucker zu unfreiwilligen Bewohnern einer Stadt in Florida und sollen nach dem Willen ihres unsichtbaren Gönners zu einem Chor – also zu einer Art harmonisch funktionierender und singender Familie – zusammenwachsen, obwohl sie einander völlig fremd sind. Wilbur aus dem Roman »Nach Hause schwimmen« von 2008 hat allen Grund, sich nach Geborgenheit zu sehnen, denn nachdem seine Mutter bei seiner Geburt stirbt und der Vater verschwindet, wandert er von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, bevor er am Ende sein Glück in einer menschlichen Patchwork-Konstellation findet. Im 2010 erschienenen Roman »Auf den Inseln des letzten Lichts« verlässt die Mutter Mann und Kinder und zerstört damit das Idyll, mit dem das Konstrukt Familie zu Unrecht gleichgesetzt wird. Auch der Jugendroman »Pampa Blues« erzählt die Geschichte einer beschädigten Familie: Der Vater ist tot, die Mutter als Jazzsängerin unterwegs, der Sohn mit dem Großvater allein in der öden Provinz. Explizit um eine Familie geht es im Roman »Über den Winter« von 2015, aber natürlich liegt auch da vieles im Argen, was letztendlich den Reiz des Genres »Familienroman« ausmacht, denn nichts stelle ich mir langweiliger vor, als eine heile Welt zu beschreiben, in der sich alle einig sind und lieben. In meinem letzten Roman »Leben ist ein unregelmäßiges Verb« aus dem Jahr 2020 kann man ebenfalls viel Familie herauslesen, wenn man gewillt ist, denn da geht es um vier Kinder, die in einer Landkommune aufwachsen und mit zwölf, als die Behörden der illegalen Gemeinschaft ein Ende bereiten, entweder zu Verwandten oder in Pflegefamilien kommen. Es scheint so, als käme ich in meinen Büchern nicht um das Thema herum, dem die diesjährigen Innsbrucker Wochenendgespräche gewidmet sind. Das wird auch in meinem nächsten, in Arbeit befindlichen Roman nicht anders sein. Und das ist gut so.

Rolf Lappert

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