Portrait Portrait Ljuba Arnautović
Foto: Leonhard Hilzensauer

Ljuba Arnautović

Geboren 1954 in Kursk (UdSSR), lebt in Wien. Nach dem Studium der Sozialpädagogik arbeitete sie für das Dokumentationsarchiv des ­österreichischen Widerstands, als Russisch-Übersetzerin und Rundfunkjournalistin. Zahlreiche Radiofeatures, Reportagen, Essays; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Bisher drei Romane: Im Verborgenen (Picus 2018), Junischnee (Zsolnay 2021) und Erste Töchter (erscheint im Herbst 2024 bei Zsolnay).

Die nicht sehr große Bahnhofshalle ist überfüllt mit schlafenden Menschen, weinenden Kindern, herumirrenden Seelen. Die große, kalte Unruhe, die die Menschen nach dem Tod Stalins erfasst hat, ist greifbar. Viele fühlen sich alleingelassen, orientierungslos. Was soll jetzt nur aus dem Land, aus den Menschen werden?

Karl sucht sich irgendwo auf dem Boden einen Platz, legt sich auf seinen Seesack und schaut lange zur Decke hinauf. Ins hohe Gewölbe hat ein sowjetischer Künstler etwas plump wirkende Figuren gemalt, Bäuerinnen bei der Ernte, Bahnarbeiter mit ölverschmierten Gesichtern, weißbekittelte Chemiker und Ärztinnen, lesende Kinder. Auf Karl hat diese Malerei eine überraschende, euphorisierende Wirkung. Endlich spürt er so etwas wie Freiheit. Auch ihm steht jetzt eine Zukunft offen. Er wird einen Beruf erlernen. Bücher lesen. Musik hören. Nach seiner Familie suchen. Eine eigene gründen. Er lässt seinen Blick herabgleiten, sieht die elenden, stinkenden, rastlosen Reisenden – oder Gestrandeten? –, und rasch hebt er den Blick wieder nach oben. In jener Welt will er leben, nicht in dieser.

Aus: Junischnee, Zsolnay 2021




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