Michal Hvorecky
Geboren 1976, lebt in Bratislava. Er verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, DIE ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen. Bei Tropen erschienen die Romane City: Der unwahrscheinlichste aller Orte (2006), Eskorta (2009), Tod auf der Donau (2012), Troll (2018) und Tahiti Utopia (2021) sowie das literarische Sachbuch Dissident (2026).
Schon von seiner Kindheit an mochte er Landkarten. Stundenlang vermochte er sie zu betrachten, und in seinem Kopf rotierte die pure Abenteuerlust. Ein jedes Land hatte eine andere Farbe, rot, braun, grün, und das Wasser war blau. Es quälte ihn die Sehnsucht nach allem, das weit entfernt lag.
Die Donau erinnerte an eine lang gezogene Schlange, deren Kopf im Schwarzen Meer lag, ihr Körper breitete sich über den gesamten Kontinent aus, und die Schwanzspitze verlor sich irgendwo im Schwarzwald. Der Fluss faszinierte ihn. Dorthin musste er mal fahren! Die Schlange hatte ihn hypnotisiert.
Schon als Kind ging er zum Lesen an die Ufer der Donau. Er stellte sich vor, wie es um ihn herum nur so vor Gestalten aus diversen Büchern wimmelte – die Seelen verblichener Schiffer, Seeleute mit einem Eisenhaken, die Schatten von Erhängten auf ihren Galgen, verrückt gewordene Kapitäne, blutrünstige Piraten und ausgesetzte Säuglinge in ihren Wiegen.
In den Donaugeschichten mangelte es nicht an Gespenstern und Geistern, die während all der schrecklichen Zeiten den Fluss heimsuchten und die Menschen in unbekannte Tiefen zogen; die Wassermänner ersäuften nur zu gerne Kinder. Er träumte davon, unweit die Stimmen trauriger Mütter und Ehefrauen zu vernehmen, er hörte die Stimmen der Ertrinkenden, das Gewimmer der verlassenen Säuglinge, bis der Fluss ihre nächtlichen Klagen verschluckte.
Aus: Tod auf der Donau, Tropen 2012
Foto: Martina Simkovicova