Fernweh-Fragen
Vielleicht können wir nur über die Ferne schreiben, wenn sie uns nahe geht.
Das Gegenteil von Fernweh ist möglicherweise nicht Heimweh (die beiden verhalten sich eher wie Geschwister, vielleicht im Grunde sogar Zwillinge, zwei verschiedene Gepräge, die aber doch aus derselben Frage geboren werden), sondern das Gefühl, ganz genau dort sein und bleiben zu wollen, wo wir gerade sind. Angekommensein. Bleibenwollen.
Manchmal ist unser Fernweh, als hätten wir das Essen vergessen und erst beim ersten Bissen bemerkt, wie hungrig wir eigentlich waren. Es kommt erst auf, wenn wir uns schon auf den Weg gemacht habe. Wenn es früher schon da ist, dann vielleicht nur weil wir vor irgendetwas flüchten wollen. Wenn du ehrlich bist, wovor willst du flüchten?
Wie sehr können wir in unserer Sehnsucht noch unterscheiden zwischen der echten Welt und den schönen Bildern und Erzählungen, aus denen immer irgendjemand Profit schlagen will (manchmal wir selbst)?
Egal wo wir uns befinden wollen, egal, wo wir hingelangen, irgendwann kommt der Moment, in dem sich alle Geschichten zu wiederholen beginnen, wir uns erinnern, wer wir sind und dass wir uns nie völlig entkommen können.
Wie sehr wir uns wünsche, einmal unerkannt zu sein an einem Ort, keine Geschichte zu haben, keine Erinnerung der Umgebung an uns und daran, wie wir möglicherweise zu sein haben.
Aus welchen zwei Orten in unserem Inneren setzt sich dieses Wort aus zwei Wörtern in Wahrheit zusammen?
Gibt es in uns ein echtes Interesse daran, etwas wahrzunehmen oder gibt es nur unsere Gier, uns etwas zu nehmen, etwas zu besitzen, zu verschlingen? Und an wem ist es, unsere wahren Beweggründe zu beurteilen?
Manchmal jucken auch einfach nur unsere Füße.
Was kann uns noch überraschen?
Können wir uns nur nach etwas sehnen, das wir schon in uns tragen?
Eigentlich sehnen wir uns vielleicht nie nach einem Ort, sondern immer danach, zu uns zu kommen, nach Gegenwart, danach, in diesem Körper anzukommen, etwas zu fühlen, zu schmecken, zu sehen, anwesend zu sein.
Wie weit wollen wir wirklich schauen? Was sind wir bereit zu sehen? Und wie viel davon sind wir überhaupt in der Lage zu verstehen?
Können wir einem Gefühl vertrauen, das ein bedeutender globaler Wirtschaftsfaktor geworden ist?
Dürfen wir auf einer Welt, auf der so viel menschengemachter Schwachsinn passiert eigentlich überhaupt Urlaub machen wollen? Müssen wir das vielleicht sogar genau deswegen so dringend wollen?
Wieso müssen wir uns abschießen, wegbeamen, etwas vereinnahmen, verschlingen, verdrecken, was erzählt das über uns, unsere Beziehung zu uns und zur Welt um uns? Woher kommt dieser Hunger, diese Leere, die wir immer mit Gewalt zu füllen versuchen?
Wie lernen wir etwas zu respektieren, auch wenn wir es nicht verstehen?
Wollen wir wirklich an diesem Ort sein oder wollen wir nur erzählen können, dass wir da gewesen sind?
Können wir Fernweh haben, wenn wir glücklich sind?
Vielleicht sollten wir unserer Sehnsucht nach der Ferne erst dann folgen, wenn wir den Ort mögen, an den wir zurückkehren werden. Außer wenn wir nicht vorhaben zurückzukehren.
Dürfen wir nichts müssen wollen? Die Welt zwischen den Fingern drehen und wenden wie eine Murmel aus Glas?
Kann es sein, dass jedes Fernweh eigentlich der Wunsch ist, in uns selbst an einem anderen Ort zu sein?
Julia Costa