Phantomidyllen
Nirgendwo steht geschrieben, ab welcher Entfernung so etwas wie Fernweh beginnt oder endet. Fernweh, das scheint eher eine Projektion zu sein, eine Wunschvorstellung nach positiver, oft auch verbrämter Andersartigkeit. Erinnern wir uns 50, 60 Jahre zurück, als wir damals über den Brenner gefahren sind. Keine 50 Kilometer von Innsbruck entfernt, tat sich bereits eine Welt von erfrischender Andersartigkeit auf: Der Kaffee schmeckte deutlich besser, und es gab dort eine Wurst namens Mortadella, die wir hier nicht kaufen konnten, zumindest damals noch nicht. Um so etwas wie Fernweh zu empfinden, können bereits weniger als 50 km geographischer Distanz genügen.
Szenenwechsel:
Man schrieb das Jahr 1996. Ich stand mit meiner Kamera in Finkenberg zwischen mehr als siebzigtausend Besuchern eines Open-Air-Konzertes der Schürzenjäger. Eine deutsche Reiseleiterin sagte damals zu mir: Die Tiroler sind Weltmeister im Anlocken von Gästen! Diesen Satz habe ich seither nie vergessen. Und ja, es stimmt tatsächlich: Von selbst wären all diese Menschen nicht hierhergekommen, sie mussten erst einmal angelockt werden. Damit all diese Menschen so etwas wie Fernweh auf die verklärte und romantisierte Welt hinter den Bergen und ihre gar so netten Menschen empfanden, hat die Tiroler Jodelindustrie – insbesondere jene des Zillertales – kräftig dazu beigetragen. Die Kulturwissenschaftler Utz Jeggle und Gottfried Korff von der Universität Tübingen, die Anfang der 1970er-Jahre im Zillertal forschten, beschrieben dieses Phänomen als einen binnenexotischen Effekt.
Reisen ist Statussymbol, sozialer Wettbewerb und zugleich ein Instrument der Selbstdarstellung. Der Tourist agiert als Protagonist in einem Theaterstück, das er selbst aufführt, schreibt Valentin Groebner, Experte für Geschichtstourismus und Professor an der Universität Luzern.
Wir alle reisen in heile Welten, die es so nicht gibt, und zahlen dafür einen Preis. Der Südtiroler Historiker Hans Heiss schrieb mir im Rahmen unserer Zusammenarbeit, dass Urlaub ein Ort der Fantasien, Imaginationen und oft genug Kitsch bleibt. Ein Zwischenort, an dem die Realität zerfließt, und leicht zur Lüge verkommt.
Den Tiroler Tourismus, mit seinen nahezu 50 Millionen Übernachtungen pro Jahr, könnte man auch als eine riesige Fernweherzeugungsmaschine beschreiben. Passend dazu eine kleine Kostprobe, natürlich aus dem Zillertal. Wir alle kennen die unzähligen Verkehrsstaumeldungen aus dem aktivsten Tal der Welt, wie die Zillertal Werbung voller Stolz behauptet. Der nun folgende Werbetext stammt von einem nicht näher genannten Hotel in der Talmitte, keine hundert Meter oberhalb des Talbodens:
Spüren Sie die Natur hautnah, kommen Sie zur Ruhe und lassen Sie sich von uns im Naturhotel in Tirol verwöhnen. Am Ende des Weges, der durch die Felder unserer Landwirtschaft, am Heustadel vorbei, über eine Holzbrücke und am Bergbach entlangführt, öffnet sich ein wunderschöner Platz auf einem Bergplateau am Waldrand. Dem Talboden so nah und der freie Blick über das Tal, die Weite des Zillertals, und kein Verkehr – nur Ruhe, traumhafte Ruhe. Erleben Sie ein Apart Hotel in der Architektur eines ziemlich unverbogenen Tiroler Bergdorfes, wo Sie die Energie der Natur in vollen Zügen genießen können.
Aha, Storytelling war auf einmal angesagt. Was auf gut Tirolerisch so viel heißt wie:
A Gschichtl einidruckn … Präsentiert wird dabei eine neue Geschichte, gereinigt von den unpassenden Teilen der Vergangenheit, oder der Gegenwart.
Vor nunmehr 16 Jahren unternahm ich eine umfangreiche fotografische Forschungsreise durch die Räume von Wellnesshotels in Tirol, Südtirol und dem Land Salzburg, frei nach dem Motto: Wozu in die Ferne schweifen, wenn das vermeintlich Fernweherzeugende auf einmal so nahe liegt.
Mir begegneten altägyptische Dekorationen mit Pharaonenmasken, venezianische Impressionen, mythische Göttinnen asiatischer Tempelsurrogate, Rustikalattrappen und Kunstlandschaften für den Zauberberg des kleinen Mannes. Angesichts dieser Design-Phantasien öffneten sich Abgründe eines verlorenen kulturellen Gedächtnisses einer ganzen Region. Hans Heiss beschreibt solche kulturellen Auffahrunfälle als architektonische Genmanipulation.
Ein auf Wellness-Hotels spezialisierter Architekt und Geschäftsführer eines Tiroler Planungsbüros schrieb einen Text, in dem folgende Zeilen zu lesen sind:
Je mehr wir uns im Design damit beschäftigt haben, desto tiefer tauchten wir in die Schichten des alpinen Lebensgefühls – und desto höher in der Inspiration hat es uns getragen.
Die Dichterin Lucia Perillo schrieb: Wir bestehen aus Hoffnung und Ahnungslosigkeit.
Sie sollte recht behalten.
Lois Hechenblaikner