Fernweh

Ich lebte dreizehn Jahre hinter dem Stacheldraht. In meiner Stadt war der Eiserner Vorhang sehr präsent, an vielen Orten sichtbar. Bratislava liegt an der Grenze, von Wien aus fast schon in Sichtweite, es ist eine Stadt am Dreiländereck mit Österreich und Ungarn, war aber trotzdem damals isoliert und abgegrenzt. Alles änderte sich am 10. Dezember 1989. An dem Tag bin das erste Mal zu Fuß über die Grenze gegangen – beim Protestmarsch Hallo, Europa. Fernweh war mein großer Traum von Europa.

Ich wusste sehr wenig vom Westen. Oder doch ziemlich viel? Es war für mich als Kind nicht denkbar, dass der Eiserne Vorhang einmal fällt und ich würde einfach so aufbrechen können in Richtung freie Welt. Ich lebte in einem System, das jeden Schritt kontrollieren konnte. Die Angst war ein ständiger Begleiter.

Im realsozialistischen Bratislava meiner Kindheit ermöglichte es ausgerechnet die deutsche Sprache, den letzten Kontakt mit dem Westen aufrecht zu erhalten – auch dank ORF. Die Wellen des Rundfunksignals konnte man trotz vieler Bemühungen nicht stören. Mein Westen war deswegen jahrelang schwarzweiß und winzig. Medien kennen keine Grenzen und haben mir früh bewusst gemacht, dass die Wirklichkeit, in der ich lebe, nur eine einzige von unzähligen möglichen Realitäten ist. Alles könnte anders sein. Eine ähnliche Erfahrung habe ich später mit der Literatur gemacht.

Mein Cousin Christian emigrierte im März 1989 als 18-Jähriger nach Österreich – aus Jugoslawien zu Fuß über die Alpen. Zweimal schickten ihn die Grenzwächter im Schneesturm zurück. Das dritte Mal schaffte er es endlich bis ins Flüchtlingslager Traiskirchen, das damals überfüllt mit DDR-Bürgern und Tschechoslowaken war. Christian hatte niemanden in seinen Plan eingeweiht. Zwei Tage nach seiner Flucht durchsuchten Geheimagenten das Haus und konfiszierten sein Eigentum. Die Razzia war nur der Anfang neuer Schikanen. Christian wurde in Abwesenheit als Landesverräter zu zwei Jahren Haft verurteilt. Ich war überzeugt, ich werde ihn nie wieder sehen. Wir sind in der Zeit als Familie sehr eng zusammengewachsen und das hat viel Halt gegeben. Für mich wird die Freiheit nie selbstverständlich. Diese Errungenschaft bleibt ein Auftrag: Demokratie und Freiheit lebt davon, dass wir sie schützen, weiterentwickeln und für gleichwertige Lebensverhältnisse kämpfen – ob zuhause oder in der fernen Welt.

Michal Hvorecky