Fernweh

Das Wort ist ein Missverständnis: In den Ordnungen der Wehs legt das Fernweh sich quer. Denn der Wehs gibt es viele, aus Kopf, Bauch und Zähnen, doch keins ist so unablässig, so beharrlich bohrend und dabei so unbenennbar ungefähr wie das Fernweh. Beim Bauchweh tut der Bauch weh, beim Zahnweh der Zahn, wer aber Fernweh hat, dem tut das Nahe weh. Es ist der Schmerz des Hier-und-nicht-Anderswo-Seins, oder genauer: der Schmerz des Nicht-fern-sein-Könnens, des Immer-und-ewig-hier-sein-Müssens, wo doch «hier» selten der Ort ist, nach dem man sich sehnt.

Mit dem Heimweh ist es weitläufig verwandt: Das ist seine näselnde Cousine, die sich auf Fotos gut macht, weil sie dort schweigt. Wer Heimweh hat, sehnt sich nach zu Hause und hat vergessen, wie es dort ist. Wer Fernweh hat, sehnt sich nach Heimat und glaubt, so was gibt’s, zumindest für andere, anderswo.

Heimweh hat man darum gewöhnlich nur in der Ferne, das Fernweh hingegen hat man überall und von allem Anfang an. Es ist der Fluchtimpuls, der uns beim ersten Kontakt mit der Welt überkam. Es beginnt, wo das Sichtbare endet. Jeder Horizont, jeder Berg, jede Mauer oder jene geschlossene Tür dort löst es aus.

Dahinter, hinüber, jenseits, hinaus – das sind die Worte des Fernwehs, von ihm geflüstert funkeln sie golden. Fernweh betreibt Reisebusse und Fluglinien, Fernweh bucht Hotels am Atlantik und Tische beim Italiener. Es nährt sich von grauen Tagen und Vollmondnächten. Kalte Zehen und Menschengedränge machen es groß. Fort will es, einfach nur raus hier, mit Sonne wär schön und mit viel grüner Weite, aber Hauptsache anders und Hauptsache weg.

Um von ihm ergriffen zu werden, genügt ein Vogelzug oder ein Geruch nach Meer.

Oder ein einziges Wort, von Weitem ins Ohr gehaucht: komm.

Selma Mahlknecht