Ohne Sehnsucht, aber mit Ich
Die Ferne nah, das Nahe fern
Das Ferne suchen, das Weite suchen vor der Nähe. Hinaus ins Unbekannte, aber mit Rückfahrkarte. Diese Heimsuchung der Ferne lässt man sich was kosten. Diese auf den Leib geschriebene Ferne. Da spart man nicht. Die Tiroler besonders. Obwohl sie dort leben, wo andere gern aus der Ferne herkommen. Wo die anderen ihrerseits Fremde sind, aber als Gäste daheim. Die hier daheim sind, sind einmal im Jahr anderswo Gäste, aber in der Ferne dann auch daheim. Willkommen welcome benvenuti.
Über diese Ambivalenz könnte man schreiben. Über diesen doppelten Faden, der in die Ferne zieht und in der Nähe festhält. Wo fängt das eine an, wo hört das andre auf? Eine Frage von Relationen, die Ritzen auftut und Öffnungen zulässt, und dort hinein könnte die Schreibende gehen.
Meine Sehnsucht bin ich?
Wo ist das Ich in dieser Relation zwischen Fern und Nah? Was geschieht mit den Sehnsüchten, die dieses Ich in die Ferne treiben? Die Sehnsüchte sind vielfältig, potenzieren und erneuern sich, passen sich den Zeiten an. Die Angebote auch, so individuell wie du, heißt es. Endlich du sein. Endlich ich sein. Was ist dieses Ich während des restlichen Jahrs? Ein Nicht-Ich? Ein Zombie ferngesteuerter Sehnsüchte, die nur in der Ferne … oder nicht einmal dort?
Ein Versprechen, ein falsches Sprechen, ein Vorgaukeln, meine ich. Aber oje: Fern bin ich mir selbst. Fremd bin ich mir selbst. Egal wo.
Welche Tragik! Davon könnte die Literatur erzählen.
Bilderbuchbruch
Es ist an der Zeit, die Bilder zu zerstören. Den Bilderbuch- und Reiseprospekt- und Internet- und KI-generierten Illusionen den Abgesang zu erteilen. Literarische Ikonoklastikerinnen zu werden. Zuzuschlagen mit Worten, why not. Es ist an der Zeit. Zertrümmert wird das Bild des ewigen Schnees, das Bild des einsamen Gipfelstürmers. Zerbrochen wird das Bild des stillen Sonnenaufgangs am Berg. Das Bild der weißen Weihnacht. Das Bild der freundlichen Berge. Die harmonische Familienpension. Die zufriedenen Kühe. Das glückliche Schnitzel. Die verlorene Spur im Schnee.
Auch die Reisende spielt mit. Lässt sich gern und glücklich täuschen. Schließlich hat sie für die Bilder bezahlt. Ist man eben in vielen in glücklicher Einsamkeit. Ist der ewige Schnee eben nur mehr ein bisschen ewig. Sind die Anderen beim Selfie vom Sonnenaufgang wegretuschiert. Die Stürme und Sturzbäche und Überschwemmungen statt des Schnees nur einmalig, die vernachlässigten Pensionskinder sieht man nicht, auch nicht die Massenställe und die Gerölllawinen. Nicht die Besäufnisse und nicht die Grölereien und die anderen Auswüchse, die sieht man nicht. Weil dafür hat man nicht bezahlt. Und bald ist sie wieder weg, die Touristin. Daheim im Nahen. Von dem sie in Kürze beginnt, sich wieder wegzusehnen. Diesmal geht es ans Meer.
Mal ganz abgesehen
Beide Seiten, Touristiker und Touristin, könnten es. Könnten den Blick schärfen. Genau hinsehen. Von sich absehen und von den eigenen Sehnsüchten. Genau sein und schauen: was falsch ist und was hässlich. Doch auch, was noch schön ist. Im Verborgenen vielleicht. Nebenan im Gemeindewald. Den Blick schärfen und die Sprache finden. Für das, was fragil ist, vulnerabel daliegt. Darniederliegt vielleicht. Dorthin dann gehen. Ohne Sehnsucht, aber mit Ich.
Anna Rottensteiner