Fernweh

Wenn es nur fremd ist, sagte meine Oma, wenn sie einmal im Jahr aus ihrem kleinen schwäbischen Dorf zu uns nach Berlin kam. Wenn es nur fremd ist, sagte sie und aß Sushi mit uns und trank Caipirinha, und sie war ausgelassen und süß und so froh, endlich einmal wieder aus ihrem „Rappennest“ draußen zu sein.

Als wir mit ihr das erste Mal an der Ostsee waren, sackten ihr die Beine weg im Dünensand und sie kniete vor den tosenden Wellen und die Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Ich verstehe ihre Sehnsucht sehr gut. Meine ersten achtzehn Sommer habe ich auf einem Campingplatz am Bodensee verbracht, eine halbe Stunde entfernt von der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Manchmal bin ich fast erstickt an meinem vorhersagbaren, immergleichen Dasein, und ich glaube, es ging ihr genauso, ihr ganzes Leben lang.

Auch für mich bedeutet Fernweh Sehnsucht nach der Ferne, aber eben auch nach dem Fremden. Noch immer erinnere ich mich an das Glück, zum ersten Mal italienischen Espresso an einem echten italienischen Bartresen zu trinken, in Manhattan durch den frischen Schnee zu laufen und die Gullys dampfen wie im Film oder einen ganzen Tag im sleeper bus durch Vietnam zu reisen, in einem Bus, in dem man sich in ein Bett legt, zum Fenster rausschaut und so, im Liegen, durchs Land gefahren wird. Ein absolut traumhafter Zustand.

Seit ich älter bin, vielleicht seit meinem 50. Geburtstag, gehört für mich zum Fernweh noch etwas anderes dazu: die Sehnsucht danach, allein zu sein. Ohne Kinder, ohne Mann, ohne Schülerinnen, Kollegen, Freundinnen. Ohne mein Leben.

Allein in einem fremden Zimmer aufzuwachen, draußen fremde Geräusche, eine fremde Sprache, ein fremder Himmel und niemand um mich, der irgendetwas von mir will. Dann, ganz allein und nach ein paar Tagen endlich einmal wieder ausgeschlafen, passiert etwas mit mir, werde ich ein anderer Mensch, sanft und offen, gehe ich staunend durch die Straßen und freu mich an so vielem. Bin voll Liebe zu den Menschen, die mir begegnen, strahle in die Welt, in diese verrückte Welt, und die Welt strahlt zurück.

Anette Selg