Fernweh
Ich bin mit der Sehnsucht, woanders zu sein, aufgewachsen. In meinem Jugendzimmer hingen Plakate von Orten, an denen ich noch nie gewesen war, vor allem von großen Städten: New York, London, Los Angeles. Fernweh ist für mich die Erfahrung, sich durch die Distanz sich selbst zu nähern; dort, wo man ist, nicht sein zu wollen; sich näher sein zu wollen.
In meinem Roman „Blaue Tage“ erzähle ich davon: wie das Verlassen des Gewohnten einem die Freiheit geben kann, zu werden, wer man ist. Nachweislich verändert sich beim Reisen, im Urlaub und an fremden Orten, wie unser Gehirn arbeitet. Durch neue Einflüsse, veränderte Umgebungen, andere Sprachen und Rituale müssen wir die gewohnten Bahnen verlassen. Wie wir uns selbst sehen, was wir für uns für möglich halten, kann sich dadurch verändern – manchmal verändert es sich zwangsläufig.
Als Jugendliche haben die Weltmetropolen wohl für mich ausgestrahlt: Hier kannst du sein, wer du wirklich bist. Es ist Platz für alles und jeden, und du wirst hier nie damit allein sein. Mittlerweile richtet sich mein Fernweh eher auf die Natur: besonders auf das Meer. Weit schauen können, Klarheit um mich haben, wird immer mehr zu einer Sehnsucht, die sich in meinem, vielleicht unser aller Alltag selten stillt.
Die Farbe Blau kommt in der Natur vor, steht für Wasser und Luft, Himmel und Meer. Sie steht für Weite und Freiheit, aber auch für das Melancholische – alles, was auch hätte sein können, aber nicht ist. Alles, was nie ergründet werden kann. Wenn Fernweh eine Farbe hätte, dann wäre es sicherlich blau.
Tatjana von der Beek