Fernweh

Als Kind, Anfang der Neunzigerjahre, spielte ich am allerliebsten Reisebüro. Es waren die Grundschuljahre. Den Großteil der Sommerferien verbrachte ich bei meiner Großmutter Viola. Meine Mutter musste arbeiten. Wer kann sich schon sechs Wochen freinehmen? Stundenlang blätterte ich durch den Neckermann-Katalog, der auf dem Sekretär meiner Großmutter lag, und träumte mich weg. Doch der eigentliche Spaß begann, wenn sie dazukam – und ich ihr eine Reise verkaufen konnte. Sie und ich sind beide ostdeutsch. Fernreisen waren bis zum Mauerfall 1989 nicht möglich. Und plötzlich gab es diesen Katalog: blaue Pools, endlose Angebote unter Palmen.

Das Szenario lief üblicherweise so ab: Ich klebte mir lange Fingernägel aus rotem Pappkarton an (für echten Nagellack sei ich zu jung, fand Oma Vi), setzte eine alte Hornbrille von Opa Georg auf und zog ein Paar ihrer Absatzschuhe an. So sahen Frauen in Reisebüros für mich aus. Sie trugen klackernde Schuhe, eine Brille, deren Bügel sie sich lässig in den Mund schieben konnten, und lange, rote Fingernägel. Anders ging es nicht.

An Tagen, an denen Oma Vi meinem Spiel zustimmte, saß ich also in voller Montur mit Katalog, Block und Taschenrechner am Sekretär und sagte: »Ja, bitte, nehmen Sie doch Platz. Wo möchten Sie denn hin?« Oma Vi setzte sich auf den roten Plüschhocker, der neben dem Sekretär stand, und lächelte milde. »Was haben Sie denn im Angebot?«

Jetzt war ich dran. Ich schlug den Katalog auf und zeigte ihr die Reisen, die ich mir vorher schon tausendmal angeschaut hatte. Ich kannte den Katalog in- und auswendig. Ich pries ihr die griechischen Inseln an oder einen Urlaub in Tunesien, in der Türkei oder auf Gran Canaria. Sie konnte zwischen Halb- und Vollpension auswählen. »Hotel mit Pool oder lieber direkt am Meer? Sieben Tage oder zwei Wochen?« Ich las ihr die Beschreibungen der Unterkünfte vor. Sie mochte die griechischen Inseln am liebsten. Manchmal durfte Opa Georg mit, manchmal buchte sie eine Reise nur für sich allein. Ich rechnete, stellte handgeschriebene Tickets und Quittungen aus und wünschte ihr einen schönen Urlaub. Sie stand auf, bedankte sich – und trat die Reisen nie an.

Meine Großmutter Viola blieb ihr Leben lang zu Hause, in dieser Stadt im Osten von Deutschland. Ich verstehe bis heute nicht, wieso und welche unsichtbare Hand sie so festgehalten hat. Als junge Frau, das weiß ich, hatte sie ständig Fernweh. Echtes, unruhiges.

Vielleicht ist es das: Wer die Welt jahrzehntelang nur aus der Ferne betrachtet, traut sich irgendwann nicht mehr hinein. Und das war vielleicht (neben all dem Offensichtlichen) mit das Schlimmste an der Mauer: dass sie Mauern in den Köpfen von Frauen baute und manche von ihnen nie wieder verschwanden.

Carolin Würfel